Tagsüber arbeitet Robin Kipp an Konzepten für die Pflege von morgen. Abends steht er als Statist auf der Bühne des Opernhauses Zürich. Was auf den ersten Blick nach Gegensätzen aussieht, folgt einer ähnlichen Logik: Teamarbeit, Präzision und viel Arbeit, die oft verborgen bleibt. Ein Porträt über einen Spitex-Mitarbeiter, der hinter den Kulissen sowie auf der Bühne Teil eines grossen Ganzen ist.
Du arbeitest bei Spitex Zürich und stehst gleichzeitig als Statist auf der Bühne des Opernhauses Zürich. Wie kommt man zu einer solchen Kombination?
Ich war schon als Kind viel in der Oper. Meine Mutter war Opernsängerin in Potsdam und ihre Leidenschaft für die Musik hat sich auf mich übertragen. Als Musikliebhaber habe ich über die Jahre hinweg unterschiedliche Leute am Opernhaus Zürich kennengelernt. Als 2023 Statisten für eine Produktion gesucht wurden, habe ich an einem Casting teilgenommen. Seither bin ich immer wieder im Einsatz. Bei Spitex Zürich arbeite ich ebenfalls seit 2023.
Erinnerst du dich an deinen ersten Einsatz im Opernhaus?
Das war 2023 für eine Produktion von «Lessons in Love and Violence». Wir hatten sehr intensive Proben mit dem Regisseur und den Künstlerinnen und Künstlern auf der Bühne. Alles war gut organisiert und doch unglaublich kreativ. Ein internationales Opernhaus ist mit dem Stadttheater, das ich aus Potsdam kenne, kaum vergleichbar. Als Zuschauer sieht man nur einen Bruchteil dessen, was hinter der Bühne geleistet wird. Dort arbeitet ein grosses, interprofessionelles Team mit höchster Präzision zusammen.
Was genau bedeutet es, Statist am Opernhaus Zürich zu sein?
Als Statist probt man unermüdlich. Die Proben finden überwiegend abends oder an Wochenenden statt, nur ausnahmsweise an einem Vormittag. Sie dauern etwa drei Stunden, wobei die Dauer je nachdem variiert, ob es sich um eine Neuproduktion oder eine Wiederaufnahme handelt. Für die Neuproduktion von «Hänsel und Gretel» fanden 31 Proben statt – eine beachtliche Zahl.
Wie sieht eine typischer Probe- oder Aufführungstag aus?
Anfangs proben wir auf einer Probebühne, ohne richtiges Kostüm und mit provisorischen Kulissen. Besonders aufregend ist der Moment, wenn man zum ersten Mal das Set auf der Hauptbühne sieht und das Kostüm anprobiert.
An den Aufführungstagen bin ich früh vor Ort, besonders wenn ich ein aufwendiges Kostüm trage oder noch geschminkt werde. Glücklicherweise war ich bisher immer viel auf der Bühne – bei manchen Produktionen beschränken sich die Aufgaben eines Statisten darauf, einen Stuhl von links nach rechts zu tragen. Umso schöner ist es, Teil des Geschehens zu sein und hinter den Kulissen alles mitzuerleben.
Aktuell spielst du bei «Hänsel und Gretel» mit. Welche Rolle hast du dabei und wie präsent ist man als Statist auf der Bühne?
Ich bin Teil einer Gruppe von zehn Statistinnen und Statisten, ohne feste Rolle. Wir sind Menschen, die Theater machen, und entwickeln uns zunehmend zu Figuren der Erzählung – vom lachenden, fröhlichen Bühnenarbeiter bis zu leicht angsteinflössenden Gestalten. In dieser Produktion sieht man uns viel und man erkennt uns sogar.
Die Präsenz auf der Bühne hängt stark von der Produktion ab. Im «Rosenkavalier» hatte ich eine recht prominente Rolle. Da ich maskiert war, musste man jedoch wissen, wer sich dahinter verbarg. Ganz anders bei «Manon Lescaut»: Dort war ich der hintere Teil eines Pferds – als Pferdehintern hat mich bestimmt niemand erkannt.
Wie viel Vorbereitung braucht ein Einsatz, der für das Publikum oft nur Sekunden dauert?
Auch das ist sehr unterschiedlich. Als Pferdehintern in «Manon Lescaut» gehst du da einfach auf die Bühne und hoffst, dass dein Rücken mitmacht. Für «Sweeney Todd» mussten wir unser Spiel präzise auf die Musik abstimmen. Das war aufwendiger, weil ich oft zu Hause die genauen Bewegungen zur Musik geübt habe.
Gibt es Regeln oder ungeschriebene Gesetze für Statistinnen und Statisten, die man lernen muss?
Es gibt ein Reglement, an das sich alle halten müssen: kein Handy auf der Bühne, Pünktlichkeit sowie korrektes An- und Abmelden. Die Oberstatistinnen und -statisten achten konsequent darauf. Jede Produktion hat zudem eigene Abläufe – manche Regieteams arbeiten locker, andere sehr strikt. Darauf muss man sich einstellen.
Was läuft anders, als man es sich bei einem Besuch der Oper vorstellt?
Oft sieht man den ganzen Aufwand hinter der Bühne gar nicht. Da ist immer viel Gerenne. Am Opernhaus in Zürich hat es nicht so viel Platz, sodass es bei grossen Produktionen auch mal eng wird. Alles läuft deutlich bodenständiger ab, als man es sich vielleicht vorstellt. Die Menschen gehen einfach ihrer Arbeit nach, ein Betrieb wie dieser lässt kaum Sonderwünsche zu.
Und wie sieht es bei deiner zweiten Berufung aus? Was genau machst du bei Spitex Zürich?
Ich arbeite in der Praxisentwicklung, in einem Zweierteam mit meiner Kollegin. Unsere Aufgabe ist es, Theorie und Praxis sowie Fachentwicklung und Alltagsgeschäft miteinander zu verbinden. Dabei verbringe ich viel Zeit mit Zuhören, Gesprächen, Nachdenken und damit, komplexe Inhalte sowohl auf Papier als auch im Alltag greifbar zu machen.
Welches Projekt ist dir besonders wichtig?
Für mich war der Pflegeprozess schon immer zentral, insbesondere wie wir ihn als Pflegepersonen gestalten. In der Spitex ist er deutlich komplexer als im Spital und hat meiner Meinung nach einen noch höheren Stellenwert.
Auch die Digitalisierung im Pflegealltag beschäftigt mich. Ich suche nach Wegen, wie wir uns als Berufsleute weiterentwickeln können, ohne dass die menschliche Komponente verloren geht.

Bitte erzähl etwas über deinen Werdegang.
2001 kam ich in die Schweiz, um die Ausbildung zum Pflegefachmann zu absolvieren. Danach arbeitete ich am Universitätsspital Zürich auf verschiedenen Abteilungen. Mit meinem Bachelorabschluss wurde ich Fachexperte und beschäftigte mich intensiv mit Patientenedukation und Schulungen.
Nach 17 Jahren verspürte ich den Wunsch nach einem Tapetenwechsel und begann als Fach-Coach bei Spitex Zürich. Davor hatte ich in meiner Laufbahn nur wenige Berührungspunkte mit der Spitex-Welt. Doch ich war schnell begeistert von der Sinnhaftigkeit der täglichen Arbeit mit den Kundinnen und Kunden.
Welche Parallelen gibt es zwischen einer Opernaufführung und dem Spitex-Alltag?
In beiden Betrieben sieht man oft nur einen kleinen Ausschnitt aus dem Gesamtwerk. Kundinnen und Kunden erleben die Unterstützung durch die Spitex bei sich zu Hause, doch im Hintergrund läuft viel Planung, Austausch und Administration, das für sie verborgen bleibt. Ähnlich ist es bei der Oper: Auch hier gibt es zahlreiche Menschen, die man nicht sieht, die jedoch jeden Tag aufs Neue ihr Bestes geben.
Bei Spitex Zürich seit: 2023
Arbeitspensum: 80 %
Funktion: Praxisentwicklung
Die Praxisentwicklung verbindet die Fachentwicklung mit dem operativen Geschehen bei Spitex Zürich. Sie erarbeitet übergeordnete Grundlagen und koordiniert sowie begleitet deren Umsetzung in die Praxis. Dabei arbeitet sie eng mit anderen Bereichen von Spitex Zürich zusammen.
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