Chronische psychische Erkrankungen können viele Bereiche des Lebens beeinflussen. Betroffene sollen dennoch möglichst selbstbestimmt und sicher in ihrem gewohnten Zuhause leben können. Im Rahmen der Aktionswoche Patientensicherheit erklärt Michela Malnati, Pflegeexpertin APN Mental Care bei Spitex Zürich, weshalb dafür Vertrauen, Kontinuität und eine gut koordinierte Begleitung entscheidend sind.
Michela, was verstehst du unter einer chronischen psychischen Erkrankung?
Eine solche Erkrankung besteht über einen längeren Zeitraum oder tritt wiederholt auf und beeinflusst den Alltag der betroffenen Person nachhaltig. Häufig steht nicht die vollständige Genesung im Vordergrund. Entscheidend sind die langfristige Stabilisierung, eine möglichst gute Lebensqualität und der Erhalt der Selbstständigkeit.
In meiner Arbeit begegne ich Menschen mit unterschiedlichen Erkrankungen, beispielsweise Depressionen, Angst- und Zwangsstörungen, Schizophrenie oder Abhängigkeitserkrankungen. Auch Kundinnen und Kunden mit Demenz und psychiatrischen Begleitsymptomen unterstützen wir regelmässig. Oft kommen körperliche Erkrankungen hinzu. Dieses Zusammenspiel kann die Situation zusätzlich komplex machen und erfordert eine ganzheitliche Sicht auf den Menschen.

Was bedeutet Patientensicherheit für dich in diesem Zusammenhang?
Patientensicherheit bedeutet für mich mehr, als Risiken und Fehler zu vermeiden. Gerade bei chronischen psychischen Erkrankungen geht es auch darum, Veränderungen frühzeitig wahrzunehmen, Krisen möglichst zu verhindern und eine verlässliche Begleitung sicherzustellen.
Dafür braucht es Vertrauen. In der psychiatrischen Pflege ist die Beziehung besonders wichtig. Erst wenn sich Kundinnen und Kunden ernst genommen fühlen, können sie offen über ihre Situation sprechen und Unterstützung annehmen. Gleichzeitig sind häufig verschiedene Fachpersonen und Institutionen beteiligt. Eine gute Koordination trägt deshalb wesentlich dazu bei, dass die Unterstützung aufeinander abgestimmt ist und die Kundinnen und Kunden möglichst sicher und selbstbestimmt zu Hause leben können.
Wie prägt eine chronische psychische Erkrankung den Alltag der Betroffenen?
Sie kann nahezu alle Lebensbereiche beeinflussen. Betroffene können Schwierigkeiten haben, ihren Tagesablauf zu strukturieren, soziale Kontakte zu pflegen oder alltägliche Aufgaben zu bewältigen. Je nach Erkrankung kommen Ängste, Antriebslosigkeit, Konzentrationsprobleme oder soziale Isolation hinzu. Scham, die Sorge vor negativen Reaktionen oder andere Erfahrungen mit Stigmatisierung können dazu führen, dass Betroffene Unterstützung erst spät oder gar nicht in Anspruch nehmen. Manche ziehen sich zudem zunehmend zurück.
Hier setzen wir an. Wir unterstützen unsere Kundinnen und Kunden dabei, ihre Ressourcen zu stärken, ihre Selbstständigkeit zu erhalten oder schrittweise wiederzuerlangen und ihren Alltag möglichst selbstbestimmt zu gestalten.
Was brauchen Betroffene, um langfristig möglichst sicher und selbstbestimmt zu Hause zu leben?
Aus meiner Erfahrung entsteht Stabilität vor allem durch Kontinuität und verlässliche Beziehungen. Begleiten wir Kundinnen und Kunden regelmässig, erkennen wir Veränderungen frühzeitig. So lassen sich Krisen teilweise verhindern oder zumindest abschwächen. Wichtig sind feste Bezugspersonen und eine vertrauensvolle Beziehung. Hinzu kommen Unterstützung bei der Tagesstruktur, beim Umgang mit Krankheitssymptomen oder bei der Einnahme von Medikamenten und eine gute Zusammenarbeit zwischen den beteiligten Fachpersonen.
Ein zentraler Ansatz ist für uns Recovery. Dabei richten wir den Blick nicht in erster Linie auf Defizite, sondern auf die Ressourcen, Fähigkeiten und persönlichen Ziele der Kundinnen und Kunden. Sie sollen bei Entscheidungen, die sie betreffen, mitbestimmen und ihren Alltag möglichst nach ihren eigenen Vorstellungen gestalten.
Welche Herausforderungen erleben die Kundinnen und Kunden sowie ihre Angehörigen?
Für Betroffene können die Krankheitsbewältigung, soziale Isolation, der Umgang mit Krisen oder Rückfällen oder das Einhalten von Therapien herausfordernd sein. Für manche ist es schwierig, Unterstützung anzunehmen oder die eigenen Bedürfnisse auszudrücken. Auch das Gesundheits- und Sozialsystem ist komplex. Die passende Anlaufstelle zu finden, kann eine Herausforderung sein. Hinzu kommen teilweise lange Wartezeiten auf Therapieplätze und ein Mangel an Fachpersonen.
Angehörige wiederum übernehmen häufig viel Verantwortung. Das kann emotional und körperlich belastend sein. Dabei gehen ihre eigenen Bedürfnisse im Gesundheits- und Sozialsystem manchmal vergessen.
Auch die Schweigepflicht kann zu schwierigen Situationen führen. Wenn Kundinnen und Kunden nicht möchten, dass Angehörige einbezogen werden, respektieren wir diesen Wunsch. Für Angehörige kann dies jedoch belastend sein. Deshalb sind auch für sie Beratung und Entlastungsmöglichkeiten wichtig. Wo es möglich und von den Kundinnen und Kunden gewünscht ist, beziehen wir Angehörige in die Unterstützung ein.
Welche Rolle übernimmst du als Pflegeexpertin APN bei einer sicheren Begleitung?
Als Pflegeexpertin APN führe ich vertiefte pflegerische Abklärungen durch, erkenne Veränderungen frühzeitig und leite passende pflegerische Massnahmen ein. Gemeinsam mit dem interprofessionellen Team stimme ich die weitere Begleitung ab.
Ich unterstütze Kundinnen und Kunden sowie ihre Angehörigen im Umgang mit der Erkrankung, sofern dies gewünscht ist. Zudem fördere ich das Selbstmanagement. Unser Ziel ist es, dass Menschen trotz einer chronischen psychischen Erkrankung möglichst sicher, selbstbestimmt und mit einer guten Lebensqualität in ihrem gewohnten Zuhause leben können.
Eine koordinierte, personenzentrierte und recovery-orientierte Begleitung kann dazu beitragen, Krisen frühzeitig zu erkennen, Spitalaufenthalte zu vermeiden oder zu reduzieren und langfristig Stabilität zu schaffen.